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Allerheiligen-Hofkirche der Residenz
So, 28.04.2024 | 11:00 Uhr

4. Odeon Konzert

„ROMANTISCHE OKTETTE“

Kritik

Vorschau von Crescendo:

Verfemt – verfolgt – vertrieben

Mit Werken von Paul Ben-Haim, Edison Denisov, Arsen Babajanyan u.a. findet unter dem Motto »Varieté« am 21. Mai 2023 in der Allerheiligen Hofkirche der Münchner Residenz das Saison-Abschlusskonzert der Odeon-Reihe statt.

„Ich bin nicht Russe, obwohl Russisch meine Mutter­sprache ist… Aber die eigent­liche Mutter­sprache war wiederum das halb­ver­ges­sene und halb falsche Deutsch der Wolga­deut­schen. Dann hatte ich noch das Problem, dass ich zur Hälfte Jude bin, obwohl ich Jiddisch über­haupt nicht beherr­sche. Also gehöre ich zu niemandem: weder zu den Russen, noch zu den Deut­schen aller Art, noch zu den Juden. Ich habe kein Land, ich habe keinen Platz… Wenn ich jetzt irgend­wohin emigrierte, blieben mir doch alle Probleme“, suchte der Kompo­nist Alfred Schnittke seine Iden­tität zu beschreiben. Seine Suite im alten Stil, eine Folge stili­sierter Barock­tänze, aus dem Jahr 1972 eröffnet das Odeon-Abschluss­kon­zert der Saison 2022/2023.

In der Reihe der Odeon Konzerte musi­zieren Studie­rende der Meis­ter­klassen mit ihren Profes­soren und promi­nenten Gästen. Zu den Ausfüh­renden gehören die Saxo­fo­nisten Márton Bubreg, Rocco Ceraolo, Nikolai Kushnir, João Marinho, Andrej Omejc, Anna-Marie Schäfer, José Sousa, Alina Weiss, Zihao Wang und Laura Pollinger aus der Meis­ter­klasse des Saxo­fo­nisten Koryun Asatryan, der Pianist Ingo Quast, der Cemba­list Tung-Han Hu, der Klari­net­tist Luka Gantar, der Schlag­zeuger Davide Lovato und der Kontra­bas­sist Anton Kammer­meier. Die Leitung der Matinée haben Johannes Ober­meier und Armando Merino inne. Veran­staltet wird die Reihe seit 2006 von EURO­PA­MU­SI­CALE, dem Münchener Konzert­verein und der Hoch­schule für Musik und Theater München. Auf dem Programm stehen selten gespielte Werke der Kammer­musik in unge­wöhn­li­chen Beset­zungen sowie verfemte Musik verfolgter, vertrie­bener und ermor­deter Kompo­nisten der NS-Zeit.

Die fünf Mati­neen der Reihe waren dem Kompo­nisten Paul Ben-Haim gewidmet. Er wurde 1897 als Paul Fran­ken­berger in München geboren, studierte an der Akademie für Tonkunst und war Assis­tent von Bruno Walter und Hans Knap­perts­busch. 1924 wurde er Chor­leiter und Kapell­meister in Augs­burg, bis man ihn 1931 vom Dienst suspen­dierte. Er kehrte nach München zurück und wirkte als Liebe­gleiter und Kompo­nist. 1933 emigrierte er nach Paläs­tina, wo er den Namen Paul Ben-Haim annahm. In Tel Aviv lernte er die Sängerin Bracha Zefira kennen und durch sie die jüdi­sche und arabi­sche Musik, die fortan die Melodik und Rhythmik seiner Kompo­si­tionen beein­flusste. Er schrieb Sinfo­nien, Sonaten und Konzerte sowie litur­gi­sche Werke und Lieder und wurde nach 1945 einer der bekann­testen Kompo­nisten Israels, wo er 948 starb. In der Abschluss­ma­tinee erklingt von ihm die Pasto­rale Variée op. 31b aus dem Jahr 1945. Mit ihr erfüllt er sich seinen Wunsch, einen neuen, seine Umge­bung wider­spie­gelnden Stil zu schaffen. In den farben­frohen Varia­tionen verbindet er west­eu­ro­päi­sche und orien­ta­li­sche Tradi­tionen.

Das Programm steht unter dem Motto „Varieté“, und eben­falls zu hören gibt es Jazz­kom­po­si­tionen von Dmitri Schost­a­ko­witsch und Leonard Bern­stein sowie Poiema V für acht Saxo­fone, Klavier und Schlag­zeug von Arsen Baba­janyan. Er stammt aus Jerewan und lebt seit seinem Studium an der Musik-Hoch­schule in München. Aus dem sibi­ri­schen Tomsk stammte der Kompo­nist Edison Denisov. In seiner Sonate aus dem Jahr 1960 lotet er die Flöte in ihrer vollen Höhe und Tiefe aus, wie er auch extreme dyna­mi­sche Gegen­sätze verar­beitet.

Zur Auffüh­rung kommen aber auch Arran­ge­ments der Gesänge Maria, mater gratiae und O vos omnes von Carlo Gesu­aldo. Der Fürst von Venosa ist als Kompo­nist ebenso berühmt wie als Mörder seiner Ehefrau und ihres Geliebten in flagrante delicto. Seine geist­li­chen Kompo­si­tionen aller­dings blieben lange unbe­kannt. Bis zum 20. Jahr­hun­dert gab es als einzigen Hinweis darauf nur einen Brief an den Herzog Alfonso, worin der Kompo­nist Alfonso Fonta­nelli berichtet, der Fürst habe eifrig geschrieben und außer mehreren Madri­galen eine Motette und eine Arie kompo­niert. Das fünf­stim­mige Maria, mater gratiae schrieb Gesu­aldo vermut­lich für den Gebrauch zum Fest der sieben Schmerzen Mariae, das unmit­telbar auf das Fest der Kreuz­erhö­hung am 14. September folgte. Und auch das alte Klage­lied O vos omnes, das im 16. Jahr­hun­dert häufige Verto­nungen erfuhr, wurde von Gesu­aldo wirkungs­voll bear­beitet. Wolf­gang Rihm gibt in der Gesu­aldo-Biografie von Glenn Watkins eine emotio­nale Beschrei­bung seiner Musik: „Gerade hat der Prin­cipe noch mit dem Dolch in Leichen gesto­chen, schon setzt er pein­volle, süßdunkle Kontra­punkte, die schönsten, die es gibt. Bestimmt war er grün im Gesicht, und gelb­licht. – Er bleibt ohne Beispiel.“

von Ruth Renée Reif

17. Mai 2023

Meisterklassenstudenten der Hochschule für Musik & Theater München und ihre Professoren

Julia Fischer I Lewin Creuz I Jeremias Pestalozzi I Anna Schultsz Violine
Nils Mönkemeyer I Carla Guillén García I Denis Valishin Viola
Felix Brunnenkant I Alexander Lau I Johannes Välja Violoncello
Alexandra Scott Kontrabass
Yen Ting Wang Klavier
Heidi Baumgartner Sopran

Dr. Tobias Reichard Konzerteinführung

Während die Saison 2022/23 vor allem das Kammermusikwerk Paul Ben-Haims beleuchtet hat, steht in dieser Saison das Liedschaffen des Komponisten im Fokus. Paul Ben-Haim wurde 1897 als Paul Frankenburger in München geboren und emigrierte 1933 nach Israel, wo er zu einer der wichtigsten Persönlichkeiten des aufblühenden israelischen Musiklebens wurde. 2024 jährt sich der 40. Todestag von Paul Ben-Haim.

In jedem Konzert erklingt ein Liedzyklus Ben-Haims. Die Liedzyklen werden künstlerisch betreut und vorbereitet von Prof. Gerold Huber.

Programm

Wolfgang Amadeus Mozart: Duo G - Dur für Violine und Viola KV 423.
Max Bruch: Oktett B-Dur für Streicher op. posth.
Paul Ben-Haim: Drei Lieder nach Hans Bethge für Sopran, Cello und Klavier (1922)
Felix Mendelssohn Bartholdy: Oktett Es-Dur für Streicher op. 20